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Die Seele Kartografieren mit Dr. Murray Stein – vollständiges Interview


Mit dem Einsacken ihrer 3. Billboard 200 Platz #1 innerhalb weniger als eines Jahres durch ihr neuestes, erweitertes Stück Map Of The Soul: Persona, haben BTS den Weg geebnet und ihre Position als globale Superstars gesichert. Während die 7 Lieder beinhaltende EP weiterhin Rekorde aufgestellt; inländisch sowie im Ausland, erhält das Album außerdem in wahrem BTS-Style die Bangtan-Universum-Narrative (BU) aufrecht.


Das Septett wird oft dabei beobachtet, wie es Symbolismus, Mythologie und Literatur in einer Vielzahl seiner Werke zitiert, während es parallel dazu nahtlos ein alternatives Universum kreiert, welches großen Bezug zu ihren ARMYs hat, und noch viel mehr. Map Of The Soul: Persona stellt keine Ausnahme dieser Regel dar – das Album basiert auf dem psychologischen Buch „Jungs Landkarte der Seele”, welches von den Theorien des schweizerischer Psychiaters und Psychoanalytikers Carl Jung abgeleitet ist.


Dr. Murray Stein – ein Jung’scher Analyst sowie Autor des Buches Jungs Landkarte der Seele” – hat BTS für ihre Konzeptualisierung gelobt, nachdem er von der Verschmelzung seiner Recherchen mit koreanischer Musik erfahren hat. Ich muss ehrlich sagen, dass ich begeistert bin, dass sie [BTS] Interesse an Jung und meinem Buch haben”, sagte Dr. Stein in der 42. Folge von Speaking of Jung” – ein Podcast, in dem Jung’sche Analytiker von der Moderatorin Laura London interviewt werden. Laura London sagte über die jung’schen Thematiken in BTS’ Comeback, dass Jungs Botschaft und Jungs Vision Menschen näher gebracht wird, die sonst niemals von ihm gehört oder dem, was er zu bieten hat, Aufmerksamkeit geschenkt hätten.”


Das ARMY Magazine-Team hatte die Ehre, für die neueste Ausgabe mit Dr. Murray höchstpersönlich Jung’sche Konzepte, Theorien und BTS’ Botschaft näher zu erforschen.


Der Großteil unserer Leser sind junge Leute ohne psychologisches Vorwissen. Wie würden Sie denjenigen von uns, denen diese Welt jetzt durch BTS nähergebracht wird, Carl Jungs Theorie des kollektiven Unbewussten sowie sein Modell der Psyche, in Kürze erklären?

Murray Stein: “Stellt euch eure Psyche als ein Haus vor, welches aus mehreren Etagen sowie mehreren übereinanderliegenden Kellern besteht. Ihr lebt im Erdgeschoss und schaut durch die Fenster in die Welt um euch herum. Die Welt schaut euch ebenso an und sieht die Fassade eures Hauses. Die Fassade heißt Persona”. Im Erdgeschoss lebt ihr zusammen mit eurer Familie und ladet Freunde ein, mit denen ihr intime Unterhaltungen führt.


Ihr zeigt ihnen eine andere Seite von euch – eure bewussten Gefühle, Gedanken, Fantasien und so weiter. Aber ihr zeigt ihnen nicht alles. Und es gibt einige Seiten von euch, die ihr niemandem zeigt und die ihr im Keller verschlossen und vergessen habt. Manchmal erinnert ihr euch an sie und dies geschieht nicht immer mit positiven Gefühlen, da einige von ihnen schlechte Erinnerungen mit sich tragen.


Dieses Kellergeschoss nennen wir das persönliche Unbewusste und die Inhalte nennen wir Komplexe”. Die Komplexe sind wie lebendige kleine Dämonen und normalerweise können sie im Keller gehalten werden, doch manchmal kommen sie die Treppe hoch und verursachen emotionale Turbulenzen. Die weniger ansprechenden und versteckten Teile, die man niemandem zeigen möchte und oft sogar selbst nicht sehen will, nennen wir Schatten”.


Der Schatten unterscheidet sich sehr von der Persona – er ist sogar mehr oder weniger das Gegenteil. Wenn die Persona einen als offen, freundlich und lebensfreudig präsentiert, ist der Schatten auf der anderen Seite egoistisch, neidisch und düster – und so weiter. Wenn man noch weiter – in die tiefer liegenden Keller – hinab steigt, findet man Objekte, die Großeltern und ihren Eltern gehörten; und noch weitere Generationen der Familiengeschichte und der eigenen kulturellen Vergangenheit.


Dieses Level nennen wir das kulturelle Unbewusste und es besitzt genau wie das erste Level ein paar sehr wichtige Elemente. Im ersten Level heißen sie persönliche Komplexe” und auf diesem tieferen Level heißen sie kulturelle Komplexe”. Diese haben einen stillen, versteckten und größtenteils unentdeckten Einfluss auf das Leben innerhalb der oberen Etagen. Man weiß möglicherweise nicht, dass diese Geschichte die eigenen Einstellungen, Gefühle, Fantasien und Gedanken beeinflusst – aber das tut sie.


Wir sprechen heute von Transgenerational Transmission of Trauma (TTT) (dt.: Transgenerationale Weitergabe von Traumata). Die kulturellen Komplexe sind die Geister der Vergangenheit einer Nation oder eines Stammes, die weiterhin in der Geschichte von Generationen über Generationen herumspuken. Wenn man die Treppe hinuntersteigt, wird man sich der versteckten Teile der eigenen Psyche bewusst, die eine große Rolle in den alltäglichen Verhaltensmustern spielen, und die die Gedankenmuster und Interaktionen mit anderen Menschen formen.


Wenn man nun noch eine Etage tiefer geht, trifft man auf Teile der Vorfahren, die noch weiter zurück in der Vergangenheit liegen. Tatsächlich gehen manche sogar so weit zurück, dass sie viel Ähnlichkeit mit Teilen in den Unter–Kellern anderer Leute haben, die nicht mal ansatzweise in der eigenen Nähe wohnen.


Diese Etage nennen wir das kollektive Unbewusste”. Auf dieser Etage teilen die Menschen eine gemeinsame Herkunft. Es ist die Etage des alten Gehirns, die instinktive Tier–Etage, welche wir erben, wenn wir als Menschen geboren werden. Dies ist die Etage des Unbewussten, welches wir archetypisch” nennen – was bedeutet, dass es universell ist und von allen Menschen auf der Erde geteilt wird. Auf dieser Etage sind wir alle gleich. Auf den oberen Etagen unterscheiden wir uns durch unsere familiäre und kulturelle Vergangenheit.


Es gibt außerdem obere Etagen in dem Haus, Obergeschosse und Dachböden. Wenn man die Treppen hochsteigt, gelangt man in die spirituellen Aspekte der Psyche – Gedanken und Gefühle, die einen zu der sogenannten Transzendenz” führen. Hier hausen die Rituale und heiligen Objekte der Religionen der Welt. Sie verbinden das eigene Leben mit den unendlichen Ideen und Werten und führen einen dazu, das was Jung die nominalen” – in anderen Worten die heiligen” oder geweihten” – Dimensionen der menschlichen Existenz nannte, zu erfahren.


Paradoxerweise stehen diese archetypischen Muster in direktem Zusammenhang mit den tiefen, instinktiven Stockwerken und geben ihnen Anweisungen und Bedeutung. Also stellt euch eure Psyche als ein großes Haus vor, welches vielzählige Stockwerke und Räume hat, sowie etliche Aktivitäten, die an und auf jedem einzelnen Stockwerk vor sich gehen.”


Sie haben zuvor dargelegt, dass Sie relativ jung waren, als Sie angefangen haben, Carl Jungs Theorien zu studieren. Was genau fanden Sie als junge Person an seinen Lehren so interessant, dass Sie mehr mit ihnen mitgeschwungen sind als mit anderen Denkweisen?

MS: “Das, was mich wirklich gefesselt hat, war, dass er die abstrakten Ideen, die ich in Büchern und in der Schule lernte, so persönlich und real gemacht hat. Die Idee von Gott zum Beispiel.


Er zeigte, wie Gott auf eine individuelle Art erlebt werden könnte. Als ich Jungs Autobiografie „Erinnerungen, Träume, Gedanken” gelesen habe, fühlte ich mich überzeugt davon, dass ich jemanden gefunden hatte, der ein authentisches Leben gelebt hat und tief mit allen Stockwerken und Ebenen seiner eigenen Psyche verbunden war – und jemanden, der einen Weg gefunden hatte, anderen zu zeigen, wie man das hinbekommt. Er hat mir eine Landkarte der Seele geschenkt, und das ist genau das, was ich in meinem Buch mit diesem Titel versucht habe zu kommunizieren.


Jungs Lebensanschauung ist sehr persönlich und sehr individuell, und doch erreicht sie die große Welt von Beziehungen, die Liebe und Freundschaften und die Welt der Power-Politik und Geschäftswesen – aber in sehr individuellen Wegen. Ich merkte, dass Jungs Worte mich in einem tiefgründigen und überzeugenden Weg zurück zu mir selbst zurückbrachten. Und ich glaube, dass es genau das ist, was das BTS-Album Map of the Soul: Persona” ausmacht.


Ich hoffe, es hilft Menschen dabei, sich selbst zu finden und ihre Einzigartigkeit zu leben. Jede Person ist ein Stern”, wie sie in Mikrokosmos singen.”


Inwiefern haben die Lehren/ Denkweisen Sie verändert, seit Sie selbst ein junger Mensch waren?

MS: “Für mich ist das Studieren von Jungs’ Lehren ein Prozess, bei dem man immer tiefer schaut. Selbst nach 50 Jahren der intensiven Auseinandersetzung mit seinen Texten finde ich in ihnen noch heute weitere Deutungsebenen und Schätze. Natürlich habe ich in dieser Zeit, während meines Studiums und meinen psychoanalytischen Praktiken, auch anderes Material aufgesaugt – doch letztendlich bin ich immer zu Jung zurückgekehrt.


Im Jahr 2009 wurde Das Rote Buch: Liber Novus – Jungs’ Bericht über seine „lebensmittige“ Reise in die Tiefen der Psyche – veröffentlicht und hat erneutes Interesse und Freude über Jungs’ Werke auf der ganzen Welt hervorgerufen.


Ich war in den vergangenen Jahren damit beschäftigt, eine Serie von Büchern namens Jung’s Red Book for Our Time: Searching for Soul Under Post-Modern Conditions (dt.: Jungs Rotes Buch für unsere Zeit: Auf der Suche nach unsere Seele in der postmodernen Welt) zu editieren, was unter den Jung’schen Lesern für viel Interesse gesorgt hat. Die Essays in dieser Serie, die von über fünfzig Autoren aus vielen verschiedenen Kulturen und Ländern geschrieben worden sind, zeigen die Vielfalt an Bedeutungen und Dimensionen, die die Leser in diesem erstaunlichen Werk entdecken können.


Was ist die beste Art und Weise, unsere Schatten zu entdecken und anzuerkennen?

MS: “Es ist außerordentlich schwierig, den eigenen Schatten nur dadurch zu finden, in das Innere zu schauen und introspektiv zu sein. Das liegt daran, dass sie unbewusst sind – im Keller weggesperrt. Aber andere Leute können einem oft von ihnen erzählen. Also wäre eine Möglichkeit, seine:n Ehepartner:in, die Freunde oder die Feinde zu fragen: Was siehst du in meinen Einstellungen und Verhaltensweisen, das ich nicht sehe? Wenn sie ehrlich sind, werden sie es einem sagen.


Eine andere Möglichkeit ist, die eigenen Träume zu beobachten. Üblicherweise können die Figuren im Traum, die die Gegner darstellen und sich sehr von einem selbst unterscheiden, als Repräsentative der Schatten aufgefasst werden. Schattenarbeit, wie wir es nennen, ist normalerweise sehr unangenehm und herausfordernd – aber es ist notwendig, wenn man wachsen und sich weiterentwickeln möchte.”


Es wird gesagt, dass durch das Integrieren des eigenen Schattens zu einem gewissen Ausmaß auf eine Weise die Vollkommenheit erreicht werden kann. In dem Buch werden zwei Methoden beschrieben, auf welche Weise man diesen Prozess handhabt: Entweder durch Therapie, oder durch das Beobachten und Akzeptieren der eigenen Psyche und dadurch, eine psychologische Distanz zwischen dem Ego, der Persona und dem Schatten aufzubauen. Glauben Sie, dass es einen weiteren Weg gibt, dieses Ergebnis zu erreichen und das Gleichgewicht zu finden?

MS: Wie ich oben bereits sagte – durch das Fragen des/der Ehepartner:in, der Freunde, der Feinde oder dadurch, ihrer Kritik am eigenen Verhalten zuzuhören. Danach sollte darüber nachgedacht werden, wie man aus ihrem Blickwinkel wirkt. Das wird einem viel über die eigenen Schatten offenbaren. Was dann? Wir reden davon, den “Schatten zu integrieren” und das bedeutet, diese Aspekte der eigenen Persönlichkeit in das Bewusste einzubringen und dort festzuhalten – sie als Teile des Selbst zu akzeptieren und zu wissen, dass sie Teil von einem Selbst sind.


Dann hat man die Möglichkeit, ihren eher destruktiven Effekten entgegenzuwirken. Wenn man sich seinem eigenen Schatten nicht bewusst ist, wird er kontinuierlich den eigenen Beziehungen und den Anstrengungen danach, ein kreatives und produktives Leben zu leben, schaden.


Viele Menschen erreichen Blockaden in ihren Leben, weil sie sich weigern, ihre Schatten anzuerkennen. Der Schatten wird einem Steine in den Weg legen und einen daran hindern, die gesetzten Ziele zu erreichen, wenn man sich nicht mit ihm beschäftigt und ihn auf eine bewusste Art und